Die Elektroplanung im Neubau ist die Entscheidung mit der längsten Wirkung auf der Baustelle: Was im Rohbau nicht vorbereitet ist, lässt sich später nur mit Stemmarbeiten oder sichtbaren Kanälen nachholen. Gleichzeitig fällt sie oft in die stressigste Bauphase und wird nebenbei erledigt. Dieser Beitrag beschreibt die zehn Fehler, die uns in der Praxis am häufigsten begegnen – und wie Sie sie mit überschaubarem Aufwand vermeiden.
Zu wenige Leerrohre
Der Klassiker. Leerrohre sind im Rohbau fast geschenkt, nach dem Verputzen praktisch nicht mehr zu ergänzen. Sinnvoll sind Leerrohre:
- vom Verteiler in jede Etage und zum Technikraum,
- vom Technikraum nach außen (Ladepunkt, Garage, Gartenhaus, Zisterne),
- zu Fensterbändern für spätere Antriebe oder Kontakte,
- zu potenziellen Medienpositionen (TV-Wand, Beamer, Deckenlautsprecher),
- vom Dach in den Technikraum für PV, Wetterstation oder Antenne.
Ein Leerrohr, das leer bleibt, kostet ein paar Euro. Ein fehlendes Leerrohr kostet einen halben Tag Handwerker plus Malerarbeiten.
Keine oder zu wenige Netzwerkdosen
WLAN ersetzt keine strukturierte Verkabelung. Access Points, Fernseher, Arbeitsplätze, Drucker, Türsprechstelle, Wallbox, Wechselrichter, KNX-IP-Schnittstelle und Kameras wollen alle ans Netz – und zwar zuverlässig. In der Praxis planen wir mindestens zwei Cat.-Dosen je Wohnraum sowie Deckenauslässe für Access Points je Etage. Der Aufpreis im Rohbau ist gering; das Nachziehen später ist es nicht.
Der Verteiler wird zu klein bemessen
Zählerschrank und Unterverteilung werden häufig knapp geplant – passend zur Erstausstattung, ohne Reserve. Dabei brauchen Aktoren, Netzteile, Absicherungen, Überspannungsschutz, Zählerplätze für PV und Wallbox sowie eine spätere Erweiterung Platz. Als Orientierung: Planen Sie mindestens 20 bis 30 Prozent freie Reiheneinbauplätze ein und lieber ein Feld mehr als eines zu wenig. Ein zusätzliches Verteilerfeld im Neubau ist eine dreistellige Position; ein nachträglicher zweiter Verteiler mit neuen Zuleitungen liegt schnell im vierstelligen Bereich.
Beschattung wird vergessen
Raffstoren, Rollläden und Markisen tauchen oft erst auf, wenn die Fenster schon bestellt sind. Dann fehlen Antriebsleitungen, Motoranschlüsse oder die Aussparungen im Sturz. Auch wenn die Beschattung erst in zwei Jahren kommt: Leitung legen, Dose setzen, Aktorplatz im Verteiler freihalten. Dasselbe gilt für die KNX-Wetterstation, die die Beschattung später automatisch fährt.
Planung erst nach dem Rohbau
Der teuerste Fehler von allen. Wird die Elektroplanung erst gemacht, wenn die Wände stehen, richtet sich die Funktion nach der Baustelle statt umgekehrt. Die Reihenfolge sollte lauten: Grundrisse → Nutzung und Funktionen je Raum (Raumbuch) → Leitungswege und Verteilerkonzept → Ausschreibung → Installation.
Genau dafür haben wir den KNX Planer entwickelt: Sie legen im Grundriss fest, welcher Raum welche Funktionen bekommt – Licht, Beschattung, Heizung, Präsenz, Medien, Netzwerk – und erhalten daraus Listen für Ausschreibung und Montage. Bauherren können damit selbst beginnen; wir prüfen das Ergebnis und ergänzen die technische Seite.
Schalterpositionen ohne Nutzungsszenario
Taster werden nach Gewohnheit gesetzt, nicht nach Ablauf. Typische Folgen: kein Taster am Bett, kein Zentral-Aus an der Haustür, Lichtschalter hinter der aufschlagenden Tür, drei Taster nebeneinander, wo einer mit mehreren Wippen gereicht hätte. Gehen Sie den Grundriss im Kopf ab: Wie kommen Sie abends ins Haus, wie nachts ins Bad, wie morgens in die Küche?
Heizung und Lüftung nicht mitgeplant
Wer regelt die Fußbodenheizung – der Heizungsbauer mit eigenem System oder die KNX-Anlage? Diese Frage muss vor der Vergabe geklärt sein, sonst stehen am Ende zwei Regelsysteme im Haus, die sich gegenseitig stören. Gleiches gilt für die Lüftungsanlage: Eine Schnittstelle kostet in der Planung fast nichts, im Nachhinein ist sie oft gar nicht mehr verfügbar.
Außenbereich und Sonderpunkte fehlen
Garten, Terrasse, Carport, Briefkasten, Tor, Zisterne, Gartenbewässerung, Weihnachtsbeleuchtung – all das braucht Strom, teilweise Daten, in jedem Fall Leerrohre. Der Außenbereich ist der Ort, an dem Nachrüsten am aufwendigsten ist, weil er meist Erdarbeiten bedeutet.
Keine Reserve im Budget
Wer die Elektroinstallation auf den Cent genau kalkuliert, streicht während des Baus genau die Positionen, die später fehlen. Planen Sie eine Reserve für Nachträge ein – erfahrungsgemäß im Bereich von 10 bis 15 Prozent der Elektrosumme. Das sind Erfahrungswerte und keine Angebote; die tatsächlichen Kosten hängen stark von Ausbaustandard, Gebäudegröße und Herstellerwahl ab. Eine Einordnung der Größenordnungen finden Sie in unserem Beitrag Was kostet ein KNX-Smart-Home.
Niemand ist für die Dokumentation zuständig
Am Ende steht ein funktionierendes Haus – aber niemand weiß, welcher Aktorkanal welchen Kreis schaltet und wo die ETS-Datei liegt. Legen Sie schriftlich fest, wer dokumentiert, in welcher Form die Übergabe erfolgt und dass das ETS-Projekt inklusive Passwörtern dem Bauherrn ausgehändigt wird. Ohne diese Vereinbarung wird aus einer gut geplanten Anlage in wenigen Jahren ein Fall für die Rekonstruktion.
Kurze Checkliste vor der Vergabe
- Raumbuch für alle Räume erstellt und mit der Familie abgestimmt
- Leerrohre zu Etagen, Dach, Außenbereich und Medienpositionen eingeplant
- Netzwerkdosen inklusive Access-Point-Positionen festgelegt
- Verteilergröße mit mindestens 20 Prozent Reserve gerechnet
- Beschattung inklusive Antriebsleitungen und Wetterstation berücksichtigt
- Schnittstellen zu Heizung, Lüftung, PV und Wallbox geklärt
- Zuständigkeit für Dokumentation und Übergabe des ETS-Projekts vertraglich geregelt
Fazit
Fast alle teuren Fehler in der Elektroplanung im Neubau entstehen nicht durch falsche Technik, sondern durch zu späte Entscheidungen. Wer Funktionen früh festlegt, großzügig Leerrohre und Datenleitungen vorsieht, den Verteiler mit Reserve plant und Zuständigkeiten schriftlich klärt, bekommt ein Haus, das sich über Jahrzehnte erweitern lässt. Wir begleiten Bauherren und Elektrobetriebe in Velbert, Essen, Wuppertal und Düsseldorf bei genau diesem Schritt – von der Funktionsplanung bis zur fertigen Ausschreibungsunterlage.
