Die Gruppenadressen (GA) sind das Rückgrat jeder KNX-Anlage: Über sie „sprechen“ Taster, Aktoren, Sensoren und Visualisierung miteinander. Die ETS zwingt Ihnen dabei kein Schema auf – und genau deshalb sehen wir bei der Rekonstruktion von Bestandsanlagen so oft Chaos: 1/2/17 Licht neu 2, 5/0/3 Test, 3/3/3 Peter Küche. Nach zehn Jahren weiß niemand mehr, was das war.
Dieser Artikel zeigt das Schema, das wir in allen Projekten verwenden – und warum.
Warum das Schema wichtiger ist als die Geräte
Geräte lassen sich tauschen. Ein schlecht strukturiertes ETS-Projekt begleitet die Anlage dagegen ihr ganzes Leben – jede Erweiterung, jeder Fehler, jede Übergabe an einen neuen Integrator wird teurer. Ein gutes GA-Schema ist:
- selbsterklärend – man versteht die Adresse ohne Nachschlagen,
- erweiterbar – neue Räume und Funktionen passen hinein, ohne umzubauen,
- filterbar – in Busmonitor und Visualisierung lassen sich Funktionen gezielt herausfiltern,
- dokumentiert – es steht in der Übergabedokumentation, nicht nur im Kopf des Programmierers.
Das 3-stufige Schema: Gewerk / Funktion / Objekt
Wir nutzen die dreistufige Darstellung Haupt/Mittel/Unter:
| Ebene | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Hauptgruppe | Gewerk | 1 = Beleuchtung |
| Mittelgruppe | Funktion / Datentyp innerhalb des Gewerks | 1/0 Schalten, 1/1 Status Schalten, 1/2 Dimmen relativ, 1/3 Helligkeitswert, 1/4 Status Helligkeitswert |
| Untergruppe | konkretes Objekt (Leuchte, Raum, Kreis) | 1/0/12 Küche Arbeitsplatte |
Die Untergruppen-Nummer ist über alle Mittelgruppen eines Gewerks identisch: Die Küchen-Arbeitsplatte ist in 1/0/12 (Schalten), 1/1/12 (Status), 1/3/12 (Wert) und 1/4/12 (Status Wert) immer die 12. Das ist der wichtigste Trick des ganzen Schemas – damit lassen sich Objekte in Visualisierung, Logik und Busmonitor sofort zuordnen.
Beispiel-Belegung der Hauptgruppen
| HG | Gewerk |
|---|---|
| 0 | Zentral / System (Zentral AUS, Anwesenheit, Datum/Uhrzeit, Alarme, Szenen-Nr.) |
| 1 | Beleuchtung |
| 2 | Beschattung / Jalousie / Rollladen |
| 3 | Heizung / Kühlung (Einzelraumregelung) |
| 4 | Lüftung / Klima |
| 5 | Sensorik (Temperatur, Helligkeit, Wind, Regen, CO₂, Feuchte, Präsenz) |
| 6 | Energie (Zähler, Leistung, PV, Batterie, Wallbox, Lastmanagement) |
| 7 | Sicherheit (Fenster-/Türkontakte, Alarm, Rauchmelder, Wasser) |
| 8 | Türkommunikation / Zutritt / Tore |
| 9 | Multimedia / Audio |
| 10 | Logiken intern (Zwischenergebnisse, Timer, Sperren) |
| 11 | Visualisierung / Bedienung (Seitenwechsel, Meldungen) |
| 12 | Außenanlagen / Garten / Pool / Bewässerung |
| 13–14 | Reserve |
| 15 | Schnittstellen / Gateways (DALI, Modbus, Wärmepumpe, Home Assistant …) |
Ob Sie exakt diese Nummern verwenden, ist zweitrangig – wichtig ist, dass es eine dokumentierte Belegung gibt und Reserven eingeplant sind.
Mittelgruppen je Gewerk standardisieren
Für jedes Gewerk legen wir die Mittelgruppen einmal fest und halten sie durch. Beispiel Beschattung (HG 2):
| MG | Funktion | DPT |
|---|---|---|
| 2/0 | Fahren Auf/Ab (lang) | 1.008 |
| 2/1 | Stopp / Lamelle (kurz) | 1.007 |
| 2/2 | Position Höhe absolut | 5.001 |
| 2/3 | Position Lamelle absolut | 5.001 |
| 2/4 | Status Position Höhe | 5.001 |
| 2/5 | Status Position Lamelle | 5.001 |
| 2/6 | Sperre / Wind-Alarm | 1.005 |
| 2/7 | Automatik Ein/Aus (Sonnenstandsnachführung) | 1.001 |
Wer einmal verstanden hat, dass 2/4/x immer „Status Höhe“ ist, findet sich in jeder unserer Anlagen sofort zurecht.
Benennung: konsequent, sortierbar, ohne Romane
Die ETS bietet Name und Beschreibung. Unsere Regeln:
- Name = Ort + Objekt, z. B.
EG Küche Arbeitsplatte. Kein Gewerk im Namen – das steht bereits in der Hauptgruppe. Kein „Licht“, kein „Schalten“: redundant. - Ortsangabe immer gleich aufgebaut:
Geschoss Raum Detail. So sortiert die ETS sauber und die Visualisierung kann filtern. - Keine Personen- oder Nutzungsnamen („Peters Zimmer“, „Gästezimmer“ wird in fünf Jahren das Büro). Besser neutrale Raumbezeichnungen aus dem Raumbuch (
OG Zimmer 2) plus aktuelle Nutzung in der Beschreibung. - Abkürzungen dokumentieren – wenn
WZ,SZ,HWRverwendet werden, gehört die Liste in die Doku. - Beschreibungsfeld nutzen für Hinweise: „Dimmaktor Kanal C, DALI-Gruppe 4, Vorschaltgerät Tridonic“.
Reserven und Nummernkreise
- In jeder Mittelgruppe lassen wir Lücken pro Geschoss: EG 1–49, OG 50–99, DG 100–149, Außen 200–249. So bleibt die Sortierung auch nach Erweiterungen logisch.
- Zentralfunktionen (z. B. „Alle Leuchten EG aus“) bekommen in der jeweiligen Mittelgruppe feste niedrige Nummern (
1/0/0Zentral AUS gesamt,1/0/1Zentral EG …). - Hauptgruppen 13 und 14 bleiben frei – für das Gewerk, an das heute noch niemand denkt.
Datentypen (DPT) konsequent zuweisen
Jede Gruppenadresse bekommt in der ETS den passenden Datenpunkttyp. Das ist kein Kosmetik-Thema: Visualisierungen, Logikmodule und Gateways (Home Assistant, openHAB, Gira X1) lesen den DPT aus und interpretieren Werte korrekt – oder eben nicht. Ohne DPT ist ein Busmonitor-Mitschnitt auch deutlich schwerer zu lesen.
Wenn die Anlage schon läuft: aufräumen oder neu?
Bei Bestandsanlagen ist ein wildgewachsenes Schema der häufigste Grund für teure Fehlersuche. Drei Wege:
- Dokumentieren, so wie es ist – günstigste Option, wenn die Anlage stabil läuft und nur verstanden werden muss.
- Umbenennen ohne Umadressieren – Namen, Beschreibungen und DPTs korrigieren; Adressen bleiben. Moderater Aufwand, großer Gewinn an Lesbarkeit.
- Neues Schema + Neuprogrammierung – sinnvoll bei größeren Erweiterungen, Visualisierungswechsel oder wenn ohnehin alle Geräte neu geladen werden.
Welcher Weg passt, klären wir nach einem Blick ins Projekt – meist ist Option 2 der beste Kompromiss.
Kurz-Checkliste für Ihr GA-Schema
- Hauptgruppen nach Gewerk, dokumentiert, mit Reserven
- Mittelgruppen je Gewerk standardisiert (Funktion/DPT)
- Gleiche Untergruppen-Nummer für dasselbe Objekt über alle Mittelgruppen
- Benennung
Geschoss Raum Detail, keine Personen-/Nutzungsnamen - DPT an jeder Adresse gesetzt
- Nummernkreise je Geschoss mit Lücken
- Schema als Tabelle Teil der Übergabedokumentation
