Der Wechsel des KNX-Integrators ist ein Alltagsthema: Der ursprüngliche Betrieb hat aufgehört, meldet sich nicht mehr, ist zu weit weg oder passt nicht mehr zum Projekt. Fast immer stellt sich dann dieselbe Frage – kommt man an das ETS-Projekt heran, und was passiert, wenn nicht? Dieser Beitrag beschreibt, wie eine saubere Übernahme abläuft, was ohne Projektdatei möglich ist und woran man unseriöse Angebote erkennt.
Wem gehört das ETS-Projekt?
Die kurze Praxisantwort: Das ETS-Projekt gehört zur Anlage und damit zum Gebäude. Es ist die Dokumentation der bezahlten Leistung, vergleichbar mit dem Stromlaufplan oder dem Heizungsschema. Ein Eigentümer, der sein Haus verkauft oder den Dienstleister wechselt, muss weiterbetreiben können, was er bezahlt hat.
Die etwas längere Antwort: Entscheidend ist der Vertrag. Wurde die Erstellung des ETS-Projekts beauftragt und bezahlt, spricht alles für einen Herausgabeanspruch. Wurde nur „Programmierung" ohne Dokumentationsumfang vereinbart, wird die Sache diskutierbar – manche Betriebe argumentieren mit eigenem Know-how in Logikbausteinen und Parametersätzen. Für Bauherren heißt das: Die Herausgabe des ETS-Projekts inklusive Passwörtern gehört in die Beauftragung, nicht in die Abnahme.
So läuft eine saubere Übernahme ab
Projekt anfordern
Fordern Sie beim bisherigen Integrator schriftlich an – idealerweise als Liste, damit nichts vergessen wird:
- ETS-Projektdatei als Export (
.knxproj), Angabe der verwendeten ETS-Version - Projektpasswort der Exportdatei
- Gesetzte BCU-Schlüssel beziehungsweise die Gerätepasswörter
- Bei KNX Secure: Zertifikate beziehungsweise die Gerätezertifikat-Codes und der Passwortsatz
- Zugangsdaten für IP-Schnittstelle, Router, Visualisierung und Logikserver
- Verteilerpläne, Klemmenpläne, Kanal-Belegungslisten
- Beschreibung von Logikfunktionen und Szenen, soweit nicht in der ETS hinterlegt
- Backup von Visualisierung, Logikserver und gegebenenfalls Home-Assistant-Konfiguration
Setzen Sie eine realistische Frist und begründen Sie die Anfrage sachlich mit dem Betrieb der Anlage. In den meisten Fällen kommt die Datei – oft schlicht deshalb, weil bisher niemand danach gefragt hatte.
Projekt prüfen, bevor Sie arbeiten
Ein erhaltenes Projekt ist noch keine Garantie, dass es zum Gebäude passt. Vor der ersten Änderung prüfen wir:
- Stimmt die Gerätestruktur mit dem realen Verteiler überein (Bereich, Linie, physikalische Adressen)?
- Sind Gruppenadressen benannt oder nur nummeriert? Ein Schema ohne sprechende Namen ist funktional, aber teuer in der Pflege – dazu unser Beitrag zum Gruppenadressen-Schema.
- Lassen sich Geräte auslesen und stimmt der Applikationsstand mit dem Projekt überein?
- Wurden nach dem letzten Projektstand noch Änderungen an der Anlage vorgenommen, die nie eingepflegt wurden?
Der letzte Punkt ist der häufigste: Das Projekt ist echt, aber drei Jahre alt. Dann folgt ein Abgleich zwischen Projekt und Anlage, bevor irgendetwas programmiert wird.
Übergabe dokumentieren
Am Ende der Übernahme sollte ein definierter Stand stehen: aktuelles Projekt, aktualisierte Verteilerbeschriftung, Passwortliste an den Eigentümer, Backup an einem zweiten Ort. Was dazu gehört, ist Teil unserer Leistung KNX-Dokumentation und Rekonstruktion.
Was geht ohne ETS-Projekt?
Mehr, als die meisten erwarten. Eine KNX-Anlage trägt ihre Konfiguration in den Geräten. Mit der ETS lassen sich Bus-Teilnehmer scannen, physikalische Adressen und Applikationsprogramme ermitteln und die verwendeten Gruppenadressen aus dem Busverkehr sowie aus den Geräten selbst rekonstruieren. Aus Verteilerfotos, Klemmenbeschriftung und einem systematischen Funktionstest entsteht daraus wieder ein arbeitsfähiges Projekt.
Grenzen gibt es an drei Stellen:
- Gesetzte BCU-Schlüssel: Ist ein Gerät gesperrt und der Schlüssel unbekannt, hilft nur ein Werksreset – die Parametrierung dieses Geräts ist damit verloren und muss neu erstellt werden.
- KNX Secure ohne Zertifikate: Sichere Geräte lassen sich ohne den zugehörigen Passwortsatz nicht in ein neues Projekt übernehmen; auch hier bleibt der Reset. Was Secure bedeutet, erklären wir in KNX Secure – brauche ich das?.
- Logik in Zusatzsystemen: Visualisierungen und Logikserver speichern ihre Konfiguration außerhalb der ETS. Ohne Backup und Zugang muss dieser Teil neu aufgebaut werden.
Wie eine solche Rekonstruktion praktisch abläuft, welche Schritte dazugehören und wie viel Zeit sie beansprucht, beschreiben wir ausführlich in KNX-Anlage ohne ETS-Projekt rekonstruieren.
Red Flags bei Angeboten zur Übernahme
Nicht jedes Angebot zum Integratorwechsel ist im Interesse des Kunden. Aufmerksam werden sollten Sie bei diesen Punkten:
| Red Flag | Warum problematisch |
|---|---|
| „Wir setzen alle Geräte zurück und programmieren neu" als erster Vorschlag | Verwirft funktionierende Parametrierung und kostet ein Vielfaches der Übernahme. Legitim nur, wenn Geräte tatsächlich gesperrt sind. |
| Keine Zusage zur Herausgabe des neuen Projekts | Wer das Projekt nicht herausgibt, baut die nächste Abhängigkeit auf. |
| Pauschalpreis für die Rekonstruktion ohne Anlagenbesichtigung | Ohne Kenntnis von Gerätezahl und Zustand ist der Aufwand nicht seriös schätzbar. |
| BCU-Schlüssel werden gesetzt, aber nicht mitgeteilt | Faktische Sperre der Anlage für Dritte – ein klares Warnsignal. |
| Wechsel auf ein herstellergebundenes System „weil KNX veraltet ist" | Meist ein Vertriebsargument. Eine funktionierende Bus-Installation ist ein Wert, kein Problem. |
| Keine Dokumentation im Angebotsumfang | Dann steht das nächste Übernahmeproblem schon fest. |
Fazit
Ein Integratorwechsel ist bei KNX technisch unproblematisch – vorausgesetzt, das ETS-Projekt und die Zugangsdaten sind vorhanden. Fordern Sie beides schriftlich an, prüfen Sie das erhaltene Projekt gegen die reale Anlage und lassen Sie sich für die Zukunft die Herausgabe vertraglich zusichern. Fehlt das Projekt, ist keineswegs alles verloren: Rekonstruktion ist in den allermeisten Anlagen möglich. Wir übernehmen Bestandsanlagen in Velbert, Essen, Wuppertal und Düsseldorf, prüfen vorhandene Projekte und bringen sie auf einen sauberen, dokumentierten Stand – Programmierung auch remote.
