Die typische Situation im Jahr 2026: Das Haus hat eine KNX-Anlage, auf dem Dach ist eine PV-Anlage, im Keller eine Wärmepumpe, in der Garage eine Wallbox. Vier Systeme, vier Apps – und keines weiß vom anderen. Dabei liegt genau im Zusammenspiel der größte Nutzen: Überschussstrom nutzen, statt ihn für wenig Geld einzuspeisen.
Was KNX in diesem Zusammenspiel leisten kann
KNX ist nicht der Energiemanager an sich, aber die zentrale Stelle, an der alle Gebäudeinformationen zusammenlaufen: Temperaturen, Anwesenheit, Sonnenstand, Fenster, Lasten. Mit den richtigen Schnittstellen kann die Anlage:
- den PV-Überschuss erkennen und Verbraucher gezielt zuschalten (Wallbox, Heizstab, Wärmepumpe, Waschmaschine),
- die Wärmepumpe über Sollwertverschiebung oder SG-Ready-Kontakte „anschieben“, wenn Strom vorhanden ist,
- die Wallbox auf Überschussladen umstellen oder Ladeleistung begrenzen,
- Verbräuche und Erzeugung je Stromkreis sichtbar machen – in der Visualisierung, nicht in vier Apps,
- bei Abwesenheit Heizung absenken und Standby-Verbraucher abschalten.
Welche Schnittstellen gibt es?
| Gerät | Typische Schnittstellen | Bemerkung |
|---|---|---|
| Wechselrichter / Speicher | Modbus TCP, Hersteller-API, teils KNX-Gateway | Modbus TCP ist der De-facto-Standard – fast jeder Wechselrichter kann es. |
| Wärmepumpe | SG-Ready (2 Kontakte), Modbus, Hersteller-Bus, selten KNX nativ | SG-Ready ist simpel und robust; Modbus erlaubt Feinsteuerung. |
| Wallbox | Modbus TCP, OCPP, Hersteller-API, Schaltkontakt | Für Überschussladen braucht es steuerbare Ladeleistung, nicht nur an/aus. |
| Stromzähler / Messung | KNX-Energiezähler, Modbus-Zähler, S0 | Messung am Hausanschluss ist die Basis jeder Überschusslogik. |
Die Anbindung läuft meist über ein KNX-Modbus-Gateway, einen Logikserver mit Modbus-Anbindung oder eine Automationsplattform (z. B. Home Assistant, openHAB, ioBroker), die KNX und IP-Geräte verbindet. Was sinnvoll ist, hängt von der bestehenden Anlage ab.
Typische Anwendungsfälle
PV-Überschussladen: Überschuss messen → Ladeleistung der Wallbox dynamisch anpassen → nachts mit Mindestleistung oder gar nicht laden. Spart bares Geld, wenn das Auto tagsüber zu Hause steht.
Wärmepumpe als Speicher nutzen: Bei Überschuss Warmwasser- oder Pufferspeicher über Sollwert aufheizen (SG-Ready „erhöhter Betrieb“). Der Speicher wird zur „Batterie“ – günstiger als Lithium.
Lastmanagement: Wenn Wallbox und Wärmepumpe gleichzeitig laufen, kann der Hausanschluss an Grenzen kommen. KNX kann Prioritäten setzen und Lasten zeitlich verschieben.
Energie sichtbar machen: Eine Visualisierung, die Erzeugung, Verbrauch, Speicherstand und Ladeleistung zeigt, ändert das Verhalten der Bewohner – messbar.
Worauf bei der Planung achten?
- Netzwerk im Technikraum – Wechselrichter, Wärmepumpe und Wallbox brauchen LAN.
- Messung am Hausanschluss – ohne sie ist jede Überschusslogik blind.
- Steuerbare Geräte wählen – beim Kauf von Wallbox und Wärmepumpe auf Modbus/SG-Ready achten, nicht nur auf die App.
- Lokale Logik – Überschussregelung gehört in ein Gerät im Haus, nicht in die Cloud.
- Dokumentation der Schnittstellen – IP-Adressen, Register, Zugangsdaten gehören in die Anlagendokumentation.
Nachrüsten in Bestandsanlagen
Die gute Nachricht: Energieintegration funktioniert auch in KNX-Anlagen von 2010. Nötig sind meist ein Gateway oder Logikserver, ein Energiezähler und ein paar Stunden Programmierung. Voraussetzung ist ein vorhandenes (oder rekonstruiertes) ETS-Projekt.
