Die physikalische Adresse ist das Erste, was ein KNX-Gerät bekommt, und trotzdem wird sie oft nebenbei vergeben. Die Folgen zeigen sich später: doppelte Adressen, die sporadische Fehler verursachen, Geräte, die niemand im Verteiler wiederfindet, oder Taster, für deren Programmierknopf die halbe Wand demontiert werden muss.
Dieser Beitrag beschreibt, wie Sie das Adressschema planen, welche Programmierwege die ETS bietet und in welcher Reihenfolge Sie auf der Baustelle vorgehen, damit die Inbetriebnahme planbar bleibt.
Was die physikalische Adresse festlegt
Die physikalische Adresse hat das Format Bereich.Linie.Teilnehmer, etwa 1.2.15. Sie beschreibt den Ort des Geräts in der Topologie und wird für Programmierung, Diagnose und Gerätezugriff verwendet. Für den normalen Betrieb mit Gruppentelegrammen spielt sie als Absender eine Rolle, aber nicht als Ziel.
Daraus ergeben sich zwei Regeln:
- Die Adresse muss zur Topologie passen. Ein Gerät in Linie 1.2 braucht eine Adresse 1.2.x. Stimmt das nicht, kann der Linienkoppler Telegramme an dieses Gerät nicht korrekt zuordnen, und Programmierung über Linien hinweg schlägt fehl.
- Die Adresse muss eindeutig sein. Zwei Geräte mit derselben Adresse antworten gleichzeitig auf Programmier- und Leseanfragen. Das führt zu Fehlern, die sich schwer eingrenzen lassen.
Die Teilnehmeradresse 0 ist in jeder Linie für den Linienkoppler oder den IP-Router reserviert, der diese Linie anbindet. Neue Geräte haben im Auslieferungszustand meist die Adresse 15.15.255.
Das Adressschema planen
Ein durchdachtes Schema spart später Zeit bei Diagnose und Erweiterung. Bewährt hat sich, die Adressen nach Einbauort zu gruppieren, nicht nach Bestellreihenfolge:
| Adressbereich in der Linie | Verwendung |
|---|---|
| x.y.0 | Linienkoppler oder IP-Router |
| x.y.1 bis x.y.9 | Systemgeräte: Spannungsversorgung mit Diagnose, Schnittstellen, Logik |
| x.y.10 bis x.y.49 | Verteilergeräte: Aktoren, Binäreingänge, Gateways |
| x.y.50 bis x.y.199 | Feldgeräte: Taster, Präsenzmelder, Raumregler |
| ab x.y.200 | Reserve, Tunneladressen von Schnittstellen |
Das ist kein Standard, sondern eine Konvention. Entscheidend ist, dass sie im ganzen Projekt gleich bleibt. Wer die Feldgeräte zusätzlich nach Etagen oder Räumen sortiert, findet ein auffälliges Gerät im Busmonitor deutlich schneller.
Denken Sie an die Schnittstellen. Ein IP-Interface oder ein IP-Router belegt für jede Tunnelverbindung eine eigene Adresse. Diese Adressen müssen in der Linie frei sein und gehören ins Projekt, sonst vergibt jemand später dieselbe Adresse an ein Feldgerät.
Programmieren per Programmierknopf
Der klassische Weg: In der ETS „Physikalische Adresse programmieren“ wählen, dann am Gerät den Programmierknopf drücken. Die Programmier-LED leuchtet, die ETS schreibt die Adresse, die LED erlischt.
Vor dem Schreiben prüft die ETS, ob die Zieladresse bereits auf dem Bus vorhanden ist. Ist sie belegt, bricht die ETS ab oder fragt nach. Diese Prüfung sollten Sie ernst nehmen und nicht routiniert wegklicken. Ein häufiger Grund ist ein Gerät, das schon programmiert war und im Projekt an anderer Stelle steht.
Zwei Dinge sorgen auf der Baustelle regelmäßig für Ärger:
- Mehrere Geräte im Programmiermodus. Wenn versehentlich zwei Programmierknöpfe gedrückt sind, verweigert die ETS die Adressvergabe oder es kommt zu unerwarteten Ergebnissen. Die ETS zeigt in der Diagnose an, welche Geräte sich gerade im Programmiermodus befinden. Prüfen Sie das, bevor Sie fortfahren.
- Verdeckte Programmierknöpfe. Bei Tastern und Raumreglern sitzt der Knopf oft unter der Bedienwippe oder am Busankoppler. Ist der Rahmen montiert, muss das Gerät wieder geöffnet werden.
Deshalb ist es sinnvoll, Feldgeräte vor der Endmontage zu adressieren oder einen Weg ohne Knopf zu nutzen.
Programmieren über die Seriennummer
Die ETS kann die physikalische Adresse auch über die Seriennummer des Geräts schreiben. Der Programmierknopf wird dann nicht gebraucht. Voraussetzung ist, dass das Gerät diese Funktion unterstützt und die Seriennummer bekannt ist.
Die Seriennummer lässt sich vom Typenschild oder von einem Aufkleber ablesen, den viele Hersteller für genau diesen Zweck beilegen. Bewährt hat sich, diese Aufkleber bei der Montage auf einem Raumplan zu sammeln. Später ordnen Sie in der ETS jedem Gerät seine Seriennummer zu und programmieren alle Adressen in einem Durchgang.
Bei KNX Secure ist die Seriennummer ohnehin Teil des Ablaufs, weil der Gerätezertifikatsschlüssel an sie gebunden ist. Der Aufkleber mit dem Gerätezertifikat sollte deshalb schon bei der Montage eindeutig dem Gerät zugeordnet und sicher verwahrt werden, nicht offen am Verteiler.
Die richtige Reihenfolge
Auf der Baustelle zählt die Reihenfolge, vor allem in Anlagen mit mehreren Linien:
- Schnittstelle prüfen. Welche Adresse hat die Schnittstelle, über die Sie arbeiten? Sie darf mit keinem Gerät kollidieren.
- Koppler zuerst. Linienkoppler und IP-Router bekommen ihre Adressen und ihre Applikation mit Filtertabelle, bevor Geräte in den Unterlinien programmiert werden. Sonst blockiert der Koppler im Auslieferungszustand möglicherweise die Programmierung über Linien hinweg. Zur Topologie siehe Linienkoppler und Bereichskoppler.
- Spannungsversorgung und Systemgeräte. Netzteile mit Diagnosefunktion, Logikgeräte, Gateways.
- Verteilergeräte linienweise. Aktoren und Binäreingänge im Verteiler, möglichst vor dem Einbau oder direkt danach.
- Feldgeräte raumweise. Taster, Präsenzmelder und Regler, wenn möglich über die Seriennummer.
- Applikationen laden. Erst wenn alle Adressen sitzen, die Applikationen programmieren. Damit ist sichergestellt, dass Geräte, die sich gegenseitig ansprechen, bereits erreichbar sind.
Die ETS kann physikalische Adresse und Applikation auch in einem Schritt programmieren. Für Einzelgeräte ist das bequem. Bei einer Erstinbetriebnahme mit vielen Geräten ist die Trennung übersichtlicher, weil Sie Adressprobleme vollständig ausräumen, bevor Parameterfehler dazukommen.
Prüfen, bevor Sie weitermachen
Nach der Adressvergabe lohnt eine Kontrolle über die Diagnosefunktionen der ETS. Ein Linienscan zeigt, welche Adressen auf dem Bus antworten. Vergleichen Sie das Ergebnis mit dem Projekt:
- Antwortet eine Adresse, die im Projekt nicht vorkommt, ist irgendwo ein Gerät falsch programmiert oder ein Altgerät verbaut.
- Antwortet ein Gerät aus dem Projekt nicht, ist es entweder nicht adressiert, nicht versorgt oder in einer anderen Linie angeschlossen.
- Antworten Geräte noch mit 15.15.255, wurden sie vergessen.
Eine doppelt vergebene Adresse zeigt sich in der Praxis oft erst durch sporadische Fehler. Mehr zu diesem Fehlerbild steht in Wenn die Inbetriebnahme hängt.
Speichern Sie das Ergebnis des Linienscans zusammen mit dem Projektstand. Bei einer späteren Erweiterung oder einem Integratorwechsel ist der Vergleich zwischen damals und heute oft der schnellste Weg, um Geräte zu finden, die ohne Projektpflege getauscht oder ergänzt wurden. Und vergeben Sie bei Erweiterungen neue Adressen nur aus dem Projekt heraus, nie direkt am Gerät nach Gefühl.
Fazit
Physikalische Adressen sind schnell vergeben und mühsam zu korrigieren. Mit einem festen Adressschema, Kopplern zuerst, Seriennummer statt Programmierknopf für Feldgeräte und einem Linienscan als Abschluss wird die Adressvergabe zu einem kurzen, sauberen Schritt. Und wer die Adressen konsequent auf Geräte und Pläne überträgt, erspart dem nächsten Integrator die Suche.
Wenn Sie ein bestehendes Projekt mit unklarer Adressvergabe übernehmen, prüfen wir es im knxproj-Audit.
