Ein Kunde ruft an: Die Anlage läuft, aber der Betrieb, der sie gebaut hat, ist nicht mehr erreichbar. Ob Sie das übernehmen können.
Bevor Sie zusagen, sollten Sie wissen, was Sie übernehmen. Diese fünf Schritte klären das in wenigen Stunden – und sie entscheiden darüber, ob der Auftrag kalkulierbar ist.
Schritt 1: Klären, was überhaupt vorhanden ist
Die entscheidende Frage vor allen anderen: Gibt es das ETS-Projekt?
Es gibt drei Ausgangslagen, und sie unterscheiden sich im Aufwand um Größenordnungen:
Projekt liegt vor, aktueller Stand. Der Normalfall bei sauber übergebenen Anlagen. Aufwand überschaubar.
Projekt liegt vor, aber veraltet. Häufiger als man denkt – der letzte Stand liegt beim vorigen Integrator oder existiert nur auf einem Laptop. Sie müssen dann prüfen, was in der Anlage tatsächlich programmiert ist.
Kein Projekt vorhanden. Der Rekonstruktionsfall. Er ist machbar, aber es ist ein anderer Auftrag mit anderem Preis – nicht die Übernahme einer bestehenden Anlage, sondern deren Neuaufbau aus dem laufenden Betrieb.
Klären Sie das, bevor Sie einen Preis nennen.
Schritt 2: Projekt lesen, bevor Sie etwas anfassen
Öffnen Sie das Projekt und ändern Sie zunächst nichts. Prüfen Sie:
- Gerätezahl und Adressanzahl – passt das Verhältnis zur Anlagengröße?
- Adressstruktur – geplant oder gewachsen?
- Benennung – aussagekräftig oder Platzhalter?
- Unbenutzte Objekte – wie viele Leichen liegen im Projekt?
- Logik – zentral, verteilt oder beides?
Zwanzig Minuten, die den Aufwand aller weiteren Arbeiten bestimmen. Was hier auffällt, gehört ins Angebot.
Schritt 3: Ist-Zustand aus der Anlage lesen
Das Projekt beschreibt, was programmiert wurde. Was tatsächlich in den Geräten steht, kann abweichen – besonders, wenn zwischendurch jemand anderes zugegriffen hat.
Die ETS kann angeschlossene Geräte auslesen und mit dem Projektstand vergleichen. Nutzen Sie das, bevor Sie das Projekt als Wahrheit behandeln.
Achten Sie zusätzlich auf:
- Geräte im Bus, die nicht im Projekt stehen. Nachträglich eingebaut, nie dokumentiert.
- Geräte im Projekt, die nicht antworten. Ausgebaut oder defekt.
- Abweichende Applikationsversionen.
Schritt 4: Sichern, bevor Sie ändern
Bevor die erste Änderung programmiert wird:
- Projekt exportieren und mit Datum ablegen. Mehrfach, an getrennten Orten.
- Bei allen Geräten den Ist-Zustand auslesen und ebenfalls sichern.
- Fotos vom Schaltschrank, sauber und lesbar, inklusive Beschriftung und Reihenklemmen.
- Dokumentieren, was Sie vorgefunden haben – Datum, Stand, Auffälligkeiten.
Das ist keine Bürokratie, sondern Ihre Absicherung. Wenn später etwas nicht funktioniert, das vorher schon nicht funktionierte, brauchen Sie diesen Stand.
Schritt 5: Mit dem Kunden klären, was er erwartet
Der Teil, der am häufigsten übersprungen wird und am meisten Ärger verursacht.
Kunden gehen bei einem Betriebswechsel oft davon aus, dass mit der Übernahme auch alle vorhandenen Mängel behoben werden. Der neue Betrieb sieht das anders – und beide reden aneinander vorbei.
Drei Punkte, die schriftlich geklärt sein sollten:
Was ist der Auftrag? Nur Betreuung im Bedarfsfall, laufende Wartung oder Sanierung des Bestands?
Wer haftet wofür? Für Ausführung und Programmierung des Vorgängers übernehmen Sie keine Gewährleistung. Das gehört in den Auftrag, nicht in ein späteres Gespräch.
Was kostet die Bestandsaufnahme? Als eigene Position, unabhängig davon, ob es zur Beauftragung kommt.
Wenn kein ETS-Projekt existiert
Dann gibt es zwei Wege:
Rekonstruktion. Die Anlage wird ausgelesen, die Struktur aus den Geräten und den vorhandenen Gruppenadressen wiederhergestellt. Das funktioniert bei Anlagen mit sauberer Adressvergabe gut und bei chaotischen Anlagen schlecht – und es kostet je nach Größe mehrere Tage.
Neuaufbau. Bei kleineren Anlagen mit fragwürdiger Struktur kann ein Neuaufbau günstiger sein als die Rekonstruktion. Die Hardware bleibt, das Projekt entsteht neu.
Welcher Weg günstiger ist, entscheidet sich an der Frage, ob die vorhandene Struktur erhaltenswert ist.
