Wer regelmäßig fremde ETS-Projekte öffnet, erkennt innerhalb von zehn Minuten, worauf er sich einlässt. Nicht weil man den Betrieb kennt, sondern weil ein Projekt seine Entstehungsgeschichte mitliefert. Diese sechs Punkte reichen für eine belastbare erste Einschätzung.
1. Das Verhältnis von Geräten zu Gruppenadressen
Die einfachste Kennzahl überhaupt. Bei einem sauber strukturierten Einfamilienhaus mit 40 Geräten liegen typischerweise 150 bis 400 Gruppenadressen vor. Weicht das stark ab, lohnt der genauere Blick:
Deutlich zu wenige Adressen deutet auf eine Anlage hin, in der viel über Sammeladressen läuft. Das funktioniert, macht aber jede spätere Differenzierung aufwendig.
Deutlich zu viele Adressen deutet meist darauf hin, dass für jede Funktion eine eigene Adresse angelegt wurde, ohne Struktur – häufig bei Anlagen, die über Jahre gewachsen sind.
2. Ob die Adressstruktur geplant oder gewachsen ist
Eine geplante Struktur erkennt man daran, dass Hauptgruppen eine erkennbare Logik haben – etwa nach Gewerk (Licht, Beschattung, Heizung) oder nach Geschoss. Die Mittelgruppen folgen dann konsequent derselben Logik.
Eine gewachsene Struktur erkennt man daran, dass die ersten drei Hauptgruppen sauber sind und ab Hauptgruppe 4 alles Mögliche liegt. Das ist der Punkt, an dem der ursprüngliche Plan aufgegeben wurde.
3. Die Benennung
Wie heißen die Gruppenadressen? Es gibt drei Qualitätsstufen:
Brauchbar: „EG Wohnen Deckenlicht Schalten" – Ort, Funktion, Aktion. Jeder versteht sofort, was gemeint ist.
Grenzwertig: „Licht 12" – funktioniert, solange derjenige, der es angelegt hat, verfügbar ist.
Problematisch: Leere Namen, Platzhalter aus dem Katalog, oder Bezeichnungen wie „neu" und „test". Das ist der Zustand, in dem eine Anlage faktisch undokumentiert ist.
Dasselbe gilt für die Gerätebenennung. Ein Aktor, der „Schaltaktor 8-fach" heißt, sagt nichts. Einer, der „UV EG Schaltaktor Licht Süd" heißt, sagt alles.
4. Unbenutzte Objekte und Geräte
Fast jedes gewachsene Projekt enthält Leichen: Geräte, die nicht mehr verbaut sind, Kommunikationsobjekte ohne Verknüpfung, Gruppenadressen ohne Teilnehmer.
Einzeln ist das harmlos. In der Summe ist es ein Indikator: Wer nach einer Änderung nicht aufräumt, hat auch bei der Änderung selbst nicht sauber gearbeitet.
5. Wo die Logik liegt
Interessanter als die Frage, ob es Logik gibt, ist die Frage, wo sie liegt. Drei Muster:
Zentral in einem Logikmodul oder Server. Gut wartbar, aber ein Ausfallpunkt. Wer das Modul nicht kennt, kann nichts ändern.
Verteilt in den Geräten. Robust, aber schwer nachvollziehbar – man muss jedes Gerät einzeln prüfen, um zu verstehen, warum etwas passiert.
Beides gemischt, ohne erkennbares System. Der häufigste Fall bei Anlagen, die mehrere Betriebe gesehen haben. Hier wird jede Fehlersuche zur Archäologie.
6. Ob eine Dokumentation existiert
In der ETS lassen sich Kommentare hinterlegen – bei Geräten, bei Gruppenadressen, im Projekt selbst. Sie werden fast nie genutzt.
Wenn ein Projekt Kommentare enthält, sagt das mehr über den Betrieb als jede Referenzliste. Es bedeutet, dass jemand daran gedacht hat, dass nach ihm noch jemand kommt.
Was das für Sie praktisch bedeutet
Diese Punkte sind in drei Situationen relevant:
Bei der Übernahme eines fremden Projekts. Bevor Sie Verantwortung für eine Anlage übernehmen, sollten Sie wissen, was Sie erben. Eine Anlage mit gewachsener Struktur und fehlender Benennung ist keine Übernahme, sondern ein Sanierungsfall – und sollte auch so kalkuliert werden.
Bei der Kalkulation einer Erweiterung. Der Aufwand für dieselbe Erweiterung unterscheidet sich je nach Projektqualität um den Faktor drei.
Bei der eigenen Arbeit. Die genannten Punkte sind kein Qualitätsurteil über andere, sondern eine Checkliste für die Übergabe eigener Projekte.
