KNX gibt es auch als Funkvariante. Sie nutzt denselben Standard, dieselbe Programmiersoftware und dieselbe Logik wie die verdrahtete Anlage – ein Medienkoppler verbindet beide Welten. Die Frage, die regelmäßig aufkommt: Reicht das für ein ganzes Einfamilienhaus?
Die kurze Antwort: technisch ja, wirtschaftlich meist nein – und die Gründe sind nicht die, die man zuerst vermutet.
Was für RF spricht
Kein Eingriff in die Substanz. Der eigentliche Grund, warum es die Variante gibt. In bewohnten Gebäuden ohne Sanierung ist es der einzige Weg zu KNX.
Voller Standard. Anders als bei proprietären Funklösungen bleiben Sie im KNX-Ökosystem: ETS, Gruppenadressen, Logik, Erweiterbarkeit.
Mischbetrieb möglich. Sie können verdrahtet beginnen und einzelne Stellen per Funk erschließen, an die keine Leitung kommt – etwa einen nachträglich angebauten Wintergarten.
Wo die Grenzen liegen
Die Geräteauswahl ist deutlich kleiner. Das ist der wichtigste Punkt. Bei verdrahtetem KNX haben Sie hunderte Hersteller und tausende Geräte. Bei RF ist die Auswahl überschaubar, und für Sonderfunktionen finden Sie oft nichts Passendes.
Batteriebetrieb bei Sensoren. Ein Taster oder Fensterkontakt ohne Netzanschluss läuft auf Batterie. Bei zehn Geräten ist das Wartung, bei fünfzig ist es ein Betriebsproblem – und der Kunde ruft an, wenn eine Batterie leer ist.
Reichweite und Baustoffe. Stahlbetondecken dämpfen erheblich. In einem Massivhaus über drei Geschosse braucht es Repeater, und deren Platzierung wird zur Erfahrungssache. Jede Repeaterstufe erhöht zudem die Latenz.
Latenz und Rückmeldung. Funktelegramme brauchen länger als Bustelegramme. Bei Licht fällt das kaum auf, bei Szenen über viele Teilnehmer schon.
Sicherheitsrelevante Funktionen. Windwächter, Frostschutz und Verriegelungen gehören nicht auf eine Funkstrecke, die durch eine leere Batterie ausfallen kann.
Der Medienkoppler und was er tut
Der Medienkoppler verbindet die Funk- mit der verdrahteten Welt und filtert dabei – ähnlich wie ein Linienkoppler. Damit ergeben sich zwei Betriebsarten:
Reine RF-Anlage. Alles per Funk, Koppler nur zur Programmierung. Möglich, aber die Programmierung wird umständlich, und ohne verdrahtete Linie fehlt eine stabile Basis.
Gemischte Anlage. Verdrahtete Basis im Verteiler und für alle Aktoren, Funk nur für die Stellen, die nicht erreichbar sind. Das ist der Regelfall und die empfehlenswerte Variante.
Bei der Programmierung braucht es etwas Geduld: RF-Geräte müssen zum Programmieren in Reichweite sein, und der Ablauf unterscheidet sich je nach Hersteller.
Die ehrliche Alternative
Wenn ein Kunde im Bestand ohne Sanierung Automation will und die verdrahtete Nachrüstung ausscheidet, sollte man die Frage stellen, ob es KNX sein muss.
Systeme wie HomeMatic IP sind für genau diesen Fall entwickelt, haben eine größere Geräteauswahl im Funkbereich, sind günstiger und in der Einrichtung schneller. Was der Kunde dafür aufgibt: Herstellerunabhängigkeit und die Erweiterbarkeit eines offenen Standards.
In einem Bestandsgebäude, in dem noch fünfzehn Jahre gewohnt wird, wiegt das oft weniger schwer als bei einem Neubau. Das offen zu sagen kostet den Auftrag selten – es schafft eher Vertrauen.
Wann RF im Neubau doch Sinn ergibt
Zwei Fälle:
- Nachträgliche Änderung nach dem Verputzen. Der Kunde will einen Taster an einer Stelle, an der keine Leitung liegt. Ein RF-Taster löst das ohne Stemmen.
- Bewegliche Bedienung. Ein Taster, der nicht fest an der Wand sitzt – etwa als Fernbedienung auf dem Couchtisch.
Für beides braucht es keine RF-Anlage, sondern nur einen Medienkoppler und einzelne Geräte.
