Die Lamellennachführung gehört zu den Funktionen, die im Angebot gut klingen und auf der Baustelle schnell angehakt werden: Parameter „Nachführung aktiv", Fassadenausrichtung eingetragen, fertig. Ob die Lamellen danach wirklich die direkte Sonne abschneiden und trotzdem Licht hereinlassen, prüft kaum jemand. Genau dort entscheidet sich, ob der Kunde die Automatik behält oder abschaltet.
Den Gesamtrahmen – Wetterstation, Schutzfunktionen, Sperrlogik, Szenen – beschreiben wir in KNX-Beschattung automatisieren. Hier geht es um das Detail dahinter: wie aus dem Sonnenstand ein Lamellenwinkel wird und was bei der Inbetriebnahme stimmen muss.
Vom Sonnenstand zum Lamellenwinkel
Die Sonnenstandsberechnung liefert zwei Werte: Azimut (Himmelsrichtung) und Elevation (Höhe über dem Horizont). Für die Lamelle ist aber keiner der beiden direkt entscheidend, sondern der Profilwinkel – die Sonnenhöhe, projiziert auf eine Ebene senkrecht zur Fassade.
Der Unterschied ist erheblich. Steht die Sonne schräg zur Fassade, wirkt sie für die Lamelle „steiler", als ihre Elevation vermuten lässt. Rechnerisch gilt: Der Tangens des Profilwinkels ist der Tangens der Elevation, geteilt durch den Kosinus der Abweichung zwischen Sonnenazimut und Fassadenausrichtung. Bei frontal einfallender Sonne sind Profilwinkel und Elevation gleich, bei streifendem Einfall wird der Profilwinkel sehr groß.
Gute Beschattungsbausteine rechnen das intern. Für die Praxis heißt es: Die Fassadenausrichtung muss stimmen. Wer „Süd" einträgt, obwohl die Fassade 20 Grad nach Westen gedreht ist, bekommt am Nachmittag systematisch falsche Winkel. Die Ausrichtung gehört aus dem Lageplan übernommen, nicht geschätzt.
Die Lamelle selbst: Geometrie und Cut-off
Ziel der Nachführung ist in der Regel die Cut-off-Stellung: Die Lamellen werden genau so weit geschlossen, dass kein direkter Sonnenstrahl zwischen ihnen hindurchfällt. Jeder Grad weiter zu kostet Tageslicht, jeder Grad weiter auf lässt Blendung durch.
Welcher Winkel das ist, hängt vom Profilwinkel und von der Lamellengeometrie ab – vor allem von Lamellenbreite und Lamellenabstand. Deshalb verlangen viele Beschattungsfunktionen diese Angaben oder bieten Vorlagen für gängige Lamellentypen. Die Werte stehen im Datenblatt des Behangs; ein Zollstock am eingebauten Raffstore tut es auch.
Wo der Aktor oder das Logikmodul keine Geometrie kennt, sondern nur eine Tabelle „Profilwinkel zu Lamellenposition", muss diese Tabelle zum Behang passen. Eine aus dem letzten Projekt kopierte Kennlinie ist eine häufige Fehlerquelle.
Wendezeit: der Parameter, an dem alles hängt
Der Jalousieaktor kennt den Lamellenwinkel nicht direkt. Er kennt nur Fahrzeiten. Ein Lamellenwinkel von 50 Prozent bedeutet: Der Antrieb hat aus der geschlossenen Stellung die Hälfte der Lamellenwendezeit gefahren.
Daraus folgen drei Punkte, die bei der Inbetriebnahme sitzen müssen:
- Wendezeit messen, nicht übernehmen. Sie ist kurz und unterscheidet sich je nach Antrieb und Behang, schon kleine Abweichungen verschieben den Winkel spürbar. Ist sie zu lang eingestellt, erreicht die Lamelle die Zielstellung nie sauber; ist sie zu kurz, bleiben nutzbare Winkel ungenutzt.
- Prozent ist nicht Grad. Die Zuordnung von Wendeweg zu tatsächlichem Lamellenwinkel ist mechanisch selten linear. Wenn der Baustein Gradangaben verwendet, prüfen Sie stichprobenartig, ob 0, 50 und 100 Prozent den erwarteten Stellungen entsprechen.
- Referenzfahrten einplanen. Über viele kurze Positionierfahrten summieren sich Fehler. Aktoren bieten dafür Referenzfahrten, etwa nach einer Anzahl von Fahrten oder einmal täglich. Diese Funktion sollte aktiv sein.
Wo die Nachführung gerechnet wird
Es gibt drei übliche Orte für die Berechnung:
- Im Jalousieaktor, wenn er Beschattungsfunktionen mit Sonnenstand mitbringt. Vorteil: wenig Abhängigkeiten. Nachteil: Die Parameter liegen verteilt in vielen Kanälen.
- In der Wetterstation oder einem Beschattungsmodul, das Fassadenwinkel berechnet und Positionen an die Aktoren sendet. Vorteil: zentrale Pflege je Fassade.
- In einem Logikmodul oder Server. Maximal flexibel, aber abhängig von einem Gerät, das ausfallen oder aktualisiert werden kann. Zur Abwägung siehe KNX-Logikmodule.
Entscheidend ist weniger der Ort als die Konsequenz: Eine Stelle rechnet, alle anderen führen aus. Wenn Aktor und Wetterstation parallel nachführen, fahren die Lamellen gegeneinander.
Begrenzungen, die zur Nachführung gehören
Reine Geometrie reicht nicht. Folgende Randbedingungen gehören in die Parametrierung:
- Verschattungsbereich je Fassade: Ab welchem Azimut wird die Fassade überhaupt besonnt, ab welchem nicht mehr? Nachbargebäude, Bäume und Dachüberstände verkleinern diesen Bereich.
- Mindest-Elevation: Bei sehr tief stehender Sonne ist die Fassade oft ohnehin verschattet.
- Mindest- und Maximalwinkel: Ganz geschlossene Lamellen sind selten gewollt, ganz waagerechte bei direkter Sonne auch nicht.
- Ruhige Fahrweise: Nachführung nur bei relevanter Winkeländerung, nicht bei jeder neuen Berechnung.
Wichtig ist außerdem, wie die Nachführung mit Behanghöhe, Hand- und Sperrbetrieb zusammenspielt. Eine manuelle Lamellenverstellung durch den Nutzer muss die Nachführung für eine definierte Zeit aussetzen – sonst korrigiert die Automatik den Nutzer nach wenigen Minuten.
Fazit
Die Lamellennachführung funktioniert nur, wenn drei Dinge zusammenpassen: korrekte Fassadenausrichtung, zum Behang passende Geometrie und eine gemessene Wendezeit. Alle drei sind in einer Stunde erledigt, wenn man sie einplant – und kosten deutlich mehr, wenn der Kunde später über Blendung klagt. Wer die Funktion anbietet, sollte die Abnahme bei Sonne gleich mit einpreisen.
