Die Übergabedokumentation ist der Teil eines KNX-Projekts, der am seltensten kalkuliert und am häufigsten nachgefragt wird. Meistens bekommt der Kunde eine ETS-Datei und ein Messprotokoll – und ruft zwei Jahre später an, weil niemand mehr weiß, welcher Aktorkanal welchen Kreis schaltet.
Dabei ist eine brauchbare Dokumentation kein großer Aufwand, wenn sie mitläuft statt am Ende zu entstehen.
Warum sie Ihr Interesse ist, nicht nur das des Kunden
Drei praktische Gründe, unabhängig von der Frage, was vertraglich geschuldet ist:
Sie schützt vor Nachforderungen. Was dokumentiert übergeben wurde, ist der vereinbarte Zustand. Was später anders gewünscht wird, ist eine Änderung – und die ist bezahlbar.
Sie macht Sie ersetzbar, aber auch anschlussfähig. Klingt widersprüchlich, ist es nicht: Ein Kunde, der die Unterlagen hat, ist nicht abhängig. Genau deshalb ruft er wieder an, wenn er zufrieden war – freiwillig statt gezwungen.
Sie spart Ihnen eigene Zeit. Wer nach drei Jahren zurück in eine Anlage muss, ist froh über die eigene Dokumentation. Das ist der häufigste Nutznießer.
Was hineingehört
1. Das ETS-Projekt
In einer Version, die der Kunde öffnen kann, ohne Passwortsperre. Das ist der Kern und nicht verhandelbar – es ist die Projektdatei seiner Anlage.
Dazu die Angabe, mit welcher ETS-Version gearbeitet wurde.
2. Die Funktionsbeschreibung
Was die Anlage tut, in verständlicher Sprache. Nicht als Auflistung von Gruppenadressen, sondern raumweise:
Wohnzimmer: Deckenlicht dimmbar über Taster links neben der Tür (kurz: schalten, lang: dimmen). Statusanzeige am Taster. Beschattung fährt bei Sonnenstand Süd und über 40 kLux automatisch auf 70 %, sofern kein Präsenzsignal anliegt. Windwächter hat Vorrang.
Das ist der Teil, den ein Kunde in zehn Jahren tatsächlich liest.
3. Die Adressstruktur in fünf Zeilen
Welche Hauptgruppe steht wofür, welche Logik liegt der Vergabe zugrunde. Ohne diese Information ist jede Erweiterung Rätselraten.
4. Der Schaltschrank
- Aufbauplan mit Bezeichnung aller Geräte
- Klemmenplan oder zumindest eine Klemmenliste
- Fotos, sauber und lesbar, mit geöffneter Tür und abgenommener Abdeckung
Die Fotos sind der am meisten unterschätzte Teil. Sie kosten fünf Minuten und ersparen später Stunden.
5. Die Geräteliste
Welches Gerät wo verbaut ist, mit Typ, Bestellnummer und physikalischer Adresse. Bei einem Defekt in fünf Jahren ist das die Grundlage für die Ersatzbeschaffung.
6. Zugangsdaten und Fernzugriff
Falls eine Visualisierung, ein Server oder ein VPN-Zugang eingerichtet wurde: Welche Zugänge existieren, wer sie hat, wie sie geändert werden. Dieser Punkt gehört ausdrücklich dokumentiert – auch aus Haftungsgründen.
7. Das Übergabeprotokoll
Was wann übergeben wurde, welche Funktionen geprüft wurden, wer eingewiesen wurde. Mit Datum und Unterschrift.
Der realistische Aufwand
Wenn die Dokumentation am Ende entsteht: ein halber bis ganzer Tag, je nach Anlagengröße. Das ist der Grund, warum sie oft entfällt.
Wenn sie mitläuft: drei bis vier Stunden, verteilt über das Projekt.
Der Unterschied liegt in vier Gewohnheiten:
- Gruppenadressen sofort korrekt benennen, nicht nachträglich.
- Fotos machen, wenn der Schrank offen ist – nicht, wenn er verschlossen und verplombt ist.
- Die Funktionsbeschreibung aus der Funktionsliste ableiten, statt sie neu zu schreiben. Wenn Sie mit einer Funktionsliste arbeiten, ist die halbe Dokumentation bereits vorhanden.
- Kommentare in der ETS nutzen, während Sie parametrieren.
Die Kalkulationsfrage
Dokumentation gehört als eigene Position ins Angebot. Sie pauschal mitzurechnen führt dazu, dass sie unter Zeitdruck als erstes gestrichen wird.
Ein üblicher Ansatz ist ein Prozentsatz der Projektierungsleistung oder ein fester Betrag je Anlagengröße. Wichtig ist, dass der Kunde sieht, was er dafür bekommt – dann wird sie selten gestrichen.
